Selbstständigkeit stellt alle jungen Menschen mit Erreichen der Volljährigkeit, spätestens mit dem Auszug aus dem Elternhaus vor große Herausforderungen. Sie muss trainiert und von Erwachsenen begleitet werden. Wo bei anderen die Eltern helfen, stehen junge Menschen aus der öffentlichen Heimerziehung bisher alleine da. Seit einigen Jahren etablierte sich der Begriff Careleaver (zu dt. Verlassen der Fürsorge) als konkrete Bezeichnung von jungen Volljährigen, die aus der Jugendhilfe oder Pflegefamilien mit Erreichen der Volljährigkeit in ein eigenständiges Leben gehen müssen. Nun hat der Verein Frauen für Frauen in Osterode am Harz sich der Bedarfslage von jungen Volljährigen angenommen und bundesweit das erste Careleaver Haus im April 2017 eröffnet.

 

Während sich andere auf das 18-Werden freuen, müssen sich Careleaver mit dem Einzug in eine eigene Wohnung, Finanzen, Behörden und dem beruflichen Einstieg schon auseinander gesetzt haben. Eine sensible Zeit, in der es oft zu Schul- oder Ausbildungsabbrüchen wegen zu großer Überforderung kommt. Es folgen Ansprüche auf Sozialhilfen oder eine verfrühte Schwangerschaft, um dem Absolvieren einer beruflichen Perspektive zu umgehen. Staatliche Gelder werden wiederum gezahlt, obwohl die Jugendhilfemaßnahme vorwiegend aus dem wirtschaftlichen Aspekt beendet wurde. Damit genau diese jungen Volljährigen erfolgreich ihren Weg in der Gesellschaft finden, eine Ausbildung oder sogar ein Studium abschließen können, bekommen sie nun „Starthilfe“.

Das Careleaver Haus ist eine kleine Wohngemeinschaft, in der sie leben und lernen können was es bedeutet erwachsen zu sein und für sich zu sorgen ohne zu vereinsamen. Sie zahlen Miete und müssen ihren Haushalt eigenständig führen. Die Unterschiede zu einer eigenen Wohnung bestehen in der Anbindung zur Einrichtung als soziales und familiäres Netzwerk und in der ambulanten Betreuung nach Bedarf, um schwerwiegende Krisen besser abfangen zu können.

 

Der Verein Frauen für Frauen entwickelte das Konzept, basierend auf empirischen Forschungsergebnissen mit der Unterstützung der Universität Hildesheim, die eng an die Lebenserfahrungen junger Erwachsener nach der Jugendhilfe anknüpfen. Die Nachhaltigkeit der bisherigen professionellen Jugendhilfe soll mit dem Careleaver Haus gestützt werden. Für mehr Spielräume von Ausbildungs- und Studiumsmöglichkeiten ist ein zweites Haus in Göttingen in fester Planung.